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Kandahar Journals – über das Wesen eines Krieges

Still photography for documentary film Kandahar Journals. An Afghan soldier seen warming his henna stained hands from EID worship on the front lines in Zhari District, Afghanistan. 

(Credit Image: © Louie Palu)
www.kandaharjournals.com
For use in film reviews to do with Kandahar Journals only.

April 2006. Kandahar, Afghanistan.
Wieder ein Selbstmordattentat – mitten auf einer belebten Straße an helllichtem Tag. Die Explosion hat die Straße förmlich umgepflügt – Chaos, Verwüstung überall. In der Luft liegt der Geruch von verbranntem Fleisch – von Tod. Es müssen zwei gewesen sein, die sich an diesem Tag dazu entschieden – aus einem vielleicht allein für sie ersichtlichen Grund – freiwillig in den Tod zu gehen und dabei möglichst viele mitzureißen. Das, was übrig geblieben ist von den Gotteskriegern liegt nun verstreut auf dem staubigen Asphalt.

Mittendrin steht Louie Palu, Fotojournalist für die kanadische „The Globe and the Mail“. Er hält den Augenblick fest – blickt durch seinen Sucher auf die Szenerie. Was er an diesem Tag erlebt, wird sich tief in sein Gedächtnis eingraben – ihn nicht mehr loslassen.

„His body parts continue to haunt me to this day – but it created a new me. A more sensitive human being.“

Still photography for documentary film Kandahar Journals. Photographer Louie Palu seen while covering combat operations on the front lines in Kandahar with a US Army Medevac unit at Forward Operating Base Wilson in Zhari District, Kandahar, Afghanistan. www.kandaharjournals.com (Credit Image: © Louie Palu) For use in film reviews to do with Kandahar Journals only.

Er entscheidet sich, zurückzukehren – nach Kandahar – aus freien Stücken. Das, was er bei seinem ersten Einsatz in Afghanistan gesehen hatte, unterschied sich doch so gravierend von dem, was die Zeitungen und Fernsehstationen zu Hause in Kanada zeigten. Eigentlich die gleiche Realität – durch den Filter der heimischen Berichterstattung aber irgendwie doch eine andere Welt. Er wollte wenigstens den Versuch anstellen, zu erklären, was wirklich passierte in der zweigrößten Stadt Afghanistans. Versuchen, das, von dem er Zeuge wurde, zu verarbeiten. Ein Unterfangen, das ihn die nächsten viereinhalb Jahre – bis 2010 – in der Region halten sollte. Als sogenannter embedded journalist begleitete er kanadische, amerikanische und afghanische Truppen vor allem in den westlichen Distrikten der Provinz Kandahar. Zhari, Panjwa’i und Arghandab gehörten zu den blutigsten und umkämpftesten Regionen des Landes. Sie waren strategisch besonders wertvoll – sowohl für die Truppen der West-Allianz, als auch für die Aufständischen.
Immer dabei: seine Kamera, ein Camcorder und eine kleine Kladde – sein Journal. Sie ist das, was später das grundlegende Narrativ seines Films – Kandahar Journals – werden soll. Eine umfassende Sammlung all dessen, was Palu während seiner Zeit an der Front und in den Feldlagern erlebt – verarbeiten muss.

Still photography for documentary film Kandahar Journals. A Canadian soldier holds still as the dust clears after a blast from an Improvised Explosive Device in Kalacha near Nakhonay, Panjwa'i District, Kandahar, Afghanistan. www.kandaharjournals.com (Credit Image: © Louie Palu) For use in film reviews to do with Kandahar Journals only.

Mit Kandahar Journals nimmt uns Louie Palu mit an die Front. Er nimmt dabei nicht die Position eines Beobachters aus der Ferne ein – er wird unweigerlich Teil eines Konfliktes, der ausweglos erscheint. Wir als Zuschauer tun es ihm dabei gleich – liegen mit den Soldaten im Schützengraben, während Gewehrkugeln über unsere Köpfe fegen – werden Teil eines Medevac-Teams, das versucht, Schwerstverletzten das Leben zu retten – sitzen gemeinsam mit Dorfältesten im Gespräch.
Louie Palu wirkt zwar in der Funktion eines embedded journalist – hält seine eigene Haltung aber immer neutral. Er ergreift für keine der beiden Seiten Partei. Vielmehr gelingt es ihm auch, die Seite der Taliban, deren Handlanger und der unbeteiligten Dorfbewohner zu beleuchten – so dem Zuschauer ein allumfassendes Bild der Situation vor Ort zu geben.

„When you see our film – 99 percent of the casualties, they were all Afghans. And we did that on purpose because they never get reported in the news – and most of them were civilians. My job is to show you things and propose ideas to you. I’m not a politician. I’m a journalist – an independent witness. That’s why I also put the Taliban in my film ‚cause you see both sides – every world. If you see only one side, then you should question your information.“

Still photography for documentary film Kandahar Journals. The shadow of a Medevac helicopter is seen in a field as it prepares to land in a field to evacuate a casualty who was hit by an Improvised Explosive Device in the insurgent stronghold of Zhari District, Kandahar Province, Afghanistan. www.kandaharjournals.com (Credit Image: © Louie Palu) For use in film reviews to do with Kandahar Journals only.

Kandahar Journals ist vor allem deshalb reizvoll, weil es Palu durch unterschiedlichste Erzählformen – den Mix aus Bewegtmaterial, seinen eindrucksvollen Fotografien und den handschriftlichen Aufzeichnungen – gelingt, eine dramaturgische Idee dessen zu schaffen, was der Krieg in Afghanistan wirklich war und ist – ohne dabei aber zu viel zu zeigen. Er findet das Gleichgewicht zwischen schonungsloser Realität und Ästhetik.
Die Geschichte, so Palu, sei extrem wichtig – aber die Form, in der diese erzählt wird, sei nicht minder entscheidend.

„People ask me how graphic those suicide bombings are – there were over a 180 in Kandahar City in 2006. […] If ten is the worst, I show about a six of what I really have in the footage. Because it is about learning, not the shocking. There are times where you see things and it doesn’t make sense anymore.“

 

Still photography for documentary film Kandahar Journals. Medics treating wounded Afghan civilians in a frontline trauma room in Zhari District, Kandahar, Afghanistan. From the documentary film Kandahar Journals. www.kandaharjournals.com (Credit Image: © Louie Palu) For use in film reviews to do with Kandahar Journals only.

Dabei hatte Palu anfangs gar nicht die Absicht, einen Film zu drehen. Dass er seine Videokamera dabei hatte, war schlicht der Tatsache zu schulden, dass sich zu der Zeit bereits sämtliche Fernsehjournalisten aus Afghanistan zurückgezogen hatten.

„When I was there – in 2006 – no one cared about that war. I could yell in the field and it would echo and there would be no journalist anywhere. It would be like a big empty chamber […].“

Still photography for documentary film Kandahar Journals. An Afghan soldier eats grapes during a patrol through the agricultural District of Zhari, Kandahar, Afghanistan. From the documentary film Kandahar Journals. www.kandaharjournals.com (Credit Image: © Louie Palu) For use in film reviews to do with Kandahar Journals only.

Wer jedoch nach Kandahar Journals erwartet, den Krieg in Afghanistan begreifen zu können, ist bei Louie Palu an der falschen Adresse. Auch, wer hier wirklich Freund und Feind ist, verschwimmt. Gibt es das überhaupt in einem Krieg – Gut und Böse? Diese Fragen für sich zu beantworten, fällt selbst dem Filmemacher schwer.

„After a while when you’re on this frontline you really don’t know what the solution is anymore. […] This war is not about winning. […] What we have to understand is, that this country has been used by other countries as a battlefield. So now it’s like the chickens come home to roost and now we have to fix it. It’s like a drug war. It’s more about managing, not winning it. Winning is a World War 2 thing – no one wins a war. […] What are the Taliban winning when the US pulls out? A destroyed country? So, I don’t really know what the solution is but keep moving around sort of the problem until you can grab on to something and fix it.“

Aber um die Beantwortung dieser Frage geht es primär auch gar nicht. Der Film zeigt vielmehr die Psyche eines Fotojournalisten während dieser einen der blutigsten Kriege der jüngeren Geschichte zu bebildern versucht. Je länger er aus Kandahar berichtet, desto deutlicher wird ihm, wie entfernt und abgekoppelt das öffentliche Leben zu Hause in Nordamerika von der Realität in Afghanistan doch zu sein scheint – was ihn wiederum zum Hinterfragen des eigenen Selbst führt.

Die volle Objektivität kann uns Louie Palu mit Kandahar Jounals gar nicht bieten. Seine Erfahrungen und Erzählungen daraus sind eine gefilterte, subjektive Sicht. Krieg lässt sich nicht objektiv darstellen – er muss vielmehr selbst erlebt werden. Aber Kandahar Journals bringt uns ihm zumindest etwas näher – lässt und über dessen Sinnhaftigkeit und die Banalität, in deren Licht unsere Welt dagegen getaucht wird, nachdenken.

„Wether you cover a war or not – when you go cover something or someone, they’d become part of your life – like a relationship – and even though you’re not covering anymore […]. They become a part of your life and that story you stay connected to and stay in touch with your subjects – it took a long time. To work in that specific area – it was so violent – and you slowly have to make room in your mind to operate. […] I think the thing that effected me the most, is to learn how to be a nice person. […] People are just mean to each other for little things in this world. […] We kind of live in a Utopia here and sometimes people forget that. That’s what I try taking away from that war – trying not to complain about those things and being nicer to each other.“

Eigentlich hat sich Louie Palu geschworen, nach Kandahar Journals nie wieder einen Film zu drehen – schon gar keinen, bei dem er mit Waffen, Konflikt oder schwül-warmem Wetter [sic!] in Kontakt kommt. Kurz danach brach er auf, um den Drogenkrieg in Mexiko zu covern; und erst kürzlich ist er aus der Ostukraine zurückgekehrt – von den Dreharbeiten zu seinem nächsten Dokumentarfilm.

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Das Copyright aller Fotos liegt bei Louie Palu. Freundlicherweise zur Verfügung gestellt durch das DOK.fest München.

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