BAF meets DOK.fest Bayerische Akademie für Fernsehen

Fokus Tschechien – Plattform für jungen Dokumentarfilm?

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Großbritannien, Frankreich und Deutschland – das sind die Big Player auf dem europäischen Dokumentarfilmmarkt. Tschechien, diesjährige DOK.guest-Vorstellung, ist eher ein kleines Licht, was Leinwandzeit angeht. Dabei lässt sich im Fall unserer osteuropäischen Nachbarn nicht sofort von Quantität auf Qualität schließen – und der Markt für Dokumentarfilme in Tschechien wächst kontinuierlich. Mit fünf von sechs Vorstellungen in der DOK.guest-Konkurrenz ist der tschechische Dokumentarfilm auch auf dem DOK.fest in der klaren Überzahl zum „Mitbewerber“ Slowakei. Doch leicht haben es tschechische Filmemacher, die sich für die Dokumentarsparte entschieden haben, nicht. Diese Erfahrung musste auch Kristyna Bartošová, Regisseurin von The Dangerous World of Doctor Dolecek machen.

Ein Grund dafür: der tschechische Filmmarkt ist – verglichen mit den westeuropäischen Nachbarn – relativ jung. Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs war Tschechien filmisch gesehen eher eine Blackbox. Filmemacher unter der Gleichschaltung der Tschechoslowakei zu sein, bedeutete vor allem eines: freie künstlerische Entfaltung und kritische Töne waren nicht erwünscht. Für Dokumentarfilm ein Todesurteil. Vor den Neunzigern konnte sich so schlicht keine wirkliche Szene etablieren. Das, was heute an tschechisch produziertem Dokumentarfilm auf den Markt kommt, ist folglich Produkt einer neuen, jungen Generation der Dokumentarfilmer. Diese sind – ähnlich zu Deutschland – auf Fördergelder oder angewiesen. Die aber fließen oft nur zäh; auch die Förderstruktur etablierte sich nur langsam – und das bis heute. Die Märkte Tschechien und Deutschland lassen sich deshalb in keiner Weise miteinander vergleichen. Vor allem die staatliche Fonds in Tschechien sind eher mäßig, weiß Adele Kohout – Kuratorin der DOK.guest-Reihe

Das tschechische Fernsehen (Česká televize – CT) ist heute tatsächlich ein relativ großzügiger Förderer des heimischen Dokumentarfilms. Nach 1992 öffnete sich die öffentlich-rechtliche Anstalt verhältnismäßig schnell für innovative Ansätze. Viele bekannte Regisseure feierten in dieser Zeit ihr künstlerisches Debüt. Vor rund fünf Jahren rief CT dann eigens eine Abteilung zur „Entwicklung neuer Programme und Formate“ ins Leben, von der vor allem Langfilme aus dem Dokumentar- und Spielfilmbereich profitieren. Vorteil für junge Filmemacher: CT übernimmt bei unterstützten Produktionen die Rolle eines minoritären Co-Produzenten. Die Filmemacher behalten so weitgehend künstlerische Kontrolle – vor allem für Studenten oder sich gerade etablierende Filmschaffende reizvoll.
Jan Maxa – Leiter Entwicklung neuer Programme beim CT:

„Fernsehsender auf der ganzen Welt haben mit beschränkten Budgets und wachsenden Erwartungen […] zu kämpfen. Das trifft besonders den mitteleuropäischen Raum mit seinem begrenzten Marktpotenzial […] – Dabei ist die effektive Entwicklung neuer Formate besonders notwendig. Dazu gehört eine permanente Offenheit gegenüber Filmemachern und deren Ideen. […] Hierbei spielen internationale Co-Produktionen eine wesentliche Rolle und das trotz aller möglichen Komplikationen und Mehrkosten, die diese Projekte mit sich bringen.“

Und dass diese Offenheit erfolgreich ist, zeigen die Filme auf dem DOK.fest. Ein Großteil der in der DOK.guest-Reihe vorgestellten Filme sind durch CT co-produziert worden. Dennoch: auch das tschechische Fernsehen kann nicht jedes Treatment von Dokumentarfilmern durchwinken – auch hier ist das Budget begrenzt.
Steigt CT – der nunmal größter Player in der Dokumentarfilm-Förderung ist – aus, wird es aber schwierig für die tschechischen Regisseure und Drehbuchautoren. Denn die Szene an potenziellen Geldgebern entwickelt sich erst in den vergangenen paar Jahren. Darunter tummelt sich überraschenderweise seit mehreren Jahren auch ein Altbekannter aus den Staaten – HBO. Das amerikanische Unternehmen scheint den osteuropäischen Markt für sich entdeckt zu haben – nahezu ganz Mittel-und Osteuropa ist HBO Country.

Aber anzunehmen, dass HBO ein großer Player im tschechischen oder osteuropäischen Dokumentarfilm sei, ist ein Trugschluss. Die geförderten Projekte beschränken sich im Jahr auf eine einstellige Zahl – an einer Hand abzuzählende Filmprojekte und vielleicht eine Dokumentar-Serie. Was den Dokumentarsektor angeht, ist HBO CZSK mit seinem großen Schwesternetzwerk in den USA also nicht zu vergleichen. Worin sich das amerikanische und tschechische HBO aber ähneln: beide setzen auf hochwertigsten Content – ein Alleinstellungsmerkmal, für das HBO auch in den Staaten bekannt ist. Wer als tschechischer Dokumentarfilmer also einen Anruf des Kabelnetzwerks bekommt, kann sich sicher sein: mein Storyboard taugt etwas. Denn letztendlich ist HBO auch nichts anderes als ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen, das an einer positiven Jahresschlussbilanz interessiert ist. Schüsse ins Blaue werden hier verständlicherweise nicht gefördert. Nur was sichere Quoten generiert und auf dem europäischen Markt bestehen kann, bekommt eine Chance. Ansonsten bieten sich Dokumentarfilmern aber noch andere Geldgeber. Springen die zwei großen Sender nicht auf, gibt es immer noch die Möglichkeit, seinen Film über halb-staatliche und gemeinnützige Initiativen zu finanzieren, meint Kohout.

Aber nicht nur die Filmförderung ist wichtig. Der bestproduzierte Film ist nichts ohne Publikum. Die Dokumentarfilmfestivals in Jhilava und Prag sind mittlerweile zu wichtigen Foren des internationalen und tschechischen Dokumentarfilms geworden – können so auch wichtige Synergien schaffen. Weiter tragen diese Festivals zur Bekanntheit der Dokumentarfilme aus Tschechien bei – hier können junge Talente zeigen, welches Potenzial sie tatsächlich besitzen. Auch das DOK.fest in München ist eine wichtige Plattform, um Filme wie Gottland von Rozálie Kohoutová über die tschechischen Landesgrenzen hinweg zu promoten und so auch langfristig einen potenziellen Fördertopf zu etablieren. Die Finanzierung für den Episodenfilm der jungen Filmemacherin war erst möglich nach Zusagen durch die Tschechische Filmförderung, ihr slowakisches Gegenstück, das Tschechische Fernsehen, das Polnische Filminstitut und ihre Filmakademie – die FAMU in Prag. Nicht unbedingt motivierend, wenn man im Vorhinein weiß, dass man bei jedem Dokumentarfilm-Projekt erst einmal einen Gang nach Canossa zu gehen hat. Dennoch sieht auch Rozálie Kohoutová den tschechischen Markt für Doks eher positiv.

Neue Ideen, denen es in jedem Fall einen Nährboden zu bereiten gilt – denn die tschechische Dokumentarfilmkultur ist eine ganz besondere, von der sich auch der etablierte westeuropäische Markt neue Impulse holen kann.


Die DOK.guest-Reihe auf dem DOK.fest 2016

Foto: Comeback; zur Verfügung gestellt durch das DOK.fest München

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