BAF meets DOK.fest Bayerische Akademie für Fernsehen

Im Osten was Neues – DOK.guest Tschechien und Slowakei

DOKFEST_THE_DANGEROUS_WORLD_OF_DOCTOR_DOLOCEK_1 (1)

Filme aus Tschechien und der Slowakei? Sicher, da gibt es diese allseits bekannten Märchen mit relativ abgedrehten Namen. Was wären Weihnachten oder Ostern ohne „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ oder „Die Galoschen des Glücks“? Aber viel mehr cineastische Leckerbissen – vor allem aus dem Dokumentarbereich – dürften dem deutschen Publikum nicht bekannt sein. Tschechischer und slowakischer Film ist nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch nicht wirklich zu uns durchgedrungen. Das dürfte vor allem daran liegen, dass Filmförderung- und vermarktung in unseren osteuropäischen Nachbarländern nur schleppend anläuft. Schade vor allem deswegen, weil gerade der Dokumentarfilm Potenzial hat. Deswegen hat das DOK.fest in diesem Jahr die Tschechische Republik und die Slowakei als Gastländer gewählt. DOK.guest wirft jedes Jahr den Blick auf ein anderes Land, bei sich ein genauerer Blick auf die Dokumentarfilmsparte lohnt. Adele Kohout – Kuratorin der dok.guest Reihe:

Sechs Filme zeichnen ein Porträt der tschechisch-slowakischen Gesellschaft – greifen dabei auch uns bekannte Themen und Problematiken auf: Fremdenhass, Drogensucht, Vergangenheitsbewältigung – aber auch Kultur und Kunst. Eines fällt dabei besonders auf: welch überraschende Unkonventionalität die Filmemacher dabei an den Tag legen.

DOKFEST_GOTTLAND_1

Bestes Beispiel dafür: Gottland. Im tschechischen Episodenfilm bewegen sich fünf Regisseure als Grenzgänger zwischen Fiktion und Realität.
„Wir begegnen dabei Tomás Bata, einem Visionär der tschechischen Fließbandarbeit, werden Zeugen des Schicksals von Stalins größter Staute im Zentrum von Prag und erhalten Einblicke in das Verhältnis der Leinwandgröße Lída Baarová mit Joseph Goebbels. Unsere Reise führt uns vom Piloten, Autor und Spitzel der tschechischen Staatssicherheit Eduard Kirchberger bis zum stillen Aktivisten Zdenek Adamecs, der sich aus Protest in aller Öffentlichkeit das Leben nahm.“ Adele Kohout

Das Projekt, das anfangs mit sieben Episoden geplant war, umfasst nun fünf Erzählstränge. Jede einzelne Episode steht dabei für sich alleine – eine Gemeinsamkeit haben sie: die Geschichte der Tschechoslowakei in das Jetzt zu holen und dabei absurde Analogien beider Welten aufzuzeigen.

DOKFEST_THE_DANGEROUS_WORLD_OF_DOCTOR_DOLOCEK_4 (1)

Beinahe absurd erscheint einem auch die Beziehung zwischen der Regisseurin und ihrem Protagonisten im Film The Dangerous World of Doctor Dolecek Nebezpecny. Kristyna Bartošová begleitet dabei über mehrere Jahre den in Tschechien beliebten Fernsehstar Rajko Dolecek, der vor allem als Diätprediger bekannt wurde – aber der neben seiner charismatischen Art, auch eine dunkle Seite hat. Er ist enger Freund von Ratko Mladic und vehementer Leugner des Völkermordes von Srebrenica. Die Regisseurin bosnischer Herkunft begibt sich mit ihm auf eine Reise in ihre und seine gemeinsame Vergangenheit – versucht dabei einerseits, die andere Seite zu verstehen, aber andererseits auch ihn dazu zu bringen, sich und seine Überzeugungen zu hinterfragen. Dabei gerät sie immer tiefer in einen Strudel von Manipulation und Selbstreflektion. Dolecek scheint ihr Projekt zunehmend zur Selbstinszenierung zu nutzen, wogegen sich Bartosova aber nicht zur Wehr setzen kann. Sie beginnt, langsam aber sicher einen Mann zu mögen, den sie eigentlich hassen sollte.

DOKFEST_COMEBACK_1

Ganz nah kommen wir auch Miro und Zlatko, den Protagonisten im Film Comeback. Beide sitzen im Hochsicherheitsgefängnis Ilava mitten im provinziellen Nordwesten der Slowakei ein – fristen hier ein eher tristes Dasein. Nach Jahren des immer gleichen Tagesablaufs, warten sie auf ihre bevorstehende Entlassung. Doch draußen scheint keiner wirklich auf sie zu warten – wer hat schon gerne einen verurteilten Ex-Häftling bei sich zu Hause oder im Betrieb. Miro landet auf der Straße – denn selbst sein engster Freund komplementiert ihn aus seiner Wohnung. Zlatko kommt bei seiner Mutter unter – aber auch die hat schon jeglichen Glauben an ihren Sohn verloren. Wir begleiten die beiden auf ihrem Weg zurück in die Gesellschaft – erleben dabei Höhen und Tiefen. Werden es die beiden schaffen oder steht am Ende doch wieder der alt vertraute und schon fast zu eigentlichen Heimat gewordene Knast als letzte Station?

DOKFEST_CZECHS_AGAINST_CZECHS_4 (1)

Czechs against Czechs  Ein aufrüttelnder Film über Vorurteile, Identität und die Frage: wer und was definiert überhaupt Heimat? Der tschechische Regisseur Tomáš Kratochvíl macht sich auf die Suche nach Antworten. Dabei quartiert er sich bei einer Roma-Familie ein und bildet auf einer sehr persönlichen Ebene den Konflikt zweier Bevölkerungsgruppen in seinem Land ab.

DOKFEST_MALLORY_1

Mallory – In diesem sensibel erzählten Film begleiten wir Protagonistin Mallory auf ihrer Reise zum persönlichen Glück. Denn in ihrem Leben lief so einiges schief. Sie war drogenabhängig, arbeits- und obdachlos und hatte einfach die falschen Freunde. Doch Mallory hat einen starken Willen – sie rappelt sich immer wieder auf. Als sie dann auch noch unerwartet schwanger wird, beginnt sie, ihr Leben umzukrempeln.

DOKFEST_KOUDELKA_2

Koudelka Shooting Holy LandEin Film über die Reisen des berühmten tschechischen Fotografen Josef Koudelka nach Israel. Nüchterner Höhepunkt – die Grenzmauer zwischen dem jüdischen Heimstaat und Palästina. Durch nüchterne, strenge Bilder wird das Zerwürfnis beider Länder abgebildet. In einem eindrucksvollen Dokumentarfilm wird der Zuschauer stiller Beobachter des künstlerischen Prozesses des Fotografierens in einer geschichtlich wie landschaftlich eindrucksvollen Region.


Alle Fotos zur Verfügung gestellt vom DOK.fest München.

Dein Kommentar